Autismus-Spektrum-Störungen?

Was ist das Autismus-Spektrum?

 

Autismus-Spektrum-Störungen werden in den letzten Jahren vermehrt diagnostiziert. Kliniken und Ambulanzen sind von dem massiven Anstieg der Anfragen nach Diagnostik und Behandlung wegen Autismus-Verdachts häufig überfordert. Neuere Untersuchungen legen eine Prävalenz von ca. 1% für das Autismus-Spektrum nahe (vgl. Lord & Bishop, 2010; Fombonne, 2003). Der enorme Anstieg der Prävalenzzahlen in den letzten Jahren ist wohl hauptsächlich auf ein steigendes Bewusstsein für autistische Zustandsbilder und bessere diagnostische Möglichkeiten bzw. eine Erweiterung der diagnostischen Einschlusskriterien zurückzuführen. Studienübergreifend wird von einer Überrepräsentierung des männlichen Geschlechts,  teilweise kognitiven Beeinträchtigungen (vor allem bei Kindern mit frühkindlichem Autismus) sowie einem erhöhten Erkrankungsrisiko für Epilepsie und anderen medizinischen Krankheiten berichtet.  Zum Autismus-Spektrum werden der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom und die nicht näher bezeichneten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen bzw. der atypische Autismus gezählt.

Die gemeinsamen Merkmale sind:

(1) eine qualitative Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion,
(2) eine Beeinträchtigung der verbalen und nonverbalen Kommunikation,
(3) das Vorliegen eingeschränkter, repetitiver bzw. stereotyper Aktivitäten und Interessen, Rituale und Routinen.
(vgl. ICD-10, Dilling et al., 2011).

Bei den Ursachen wird von einer multigenetisch bedingten frühen Hirnentwicklungsstörung mit neurophysiologischen Korrelaten ausgegangen, wiewohl die genaue Ätiologie noch unklar ist und weiterhin intensiv beforscht wird. Frühere Annahmen, dass das mütterliche Interaktionsverhalten Autismus verursache, sind widerlegt, führten aber leider jahrzehntelang zu einer Beschuldigung von Eltern, insbesondere den Müttern. Das Niveau verbaler und intellektueller Fähigkeiten, das Vorkommen verschiedener Subtypen sozialer Interaktion und zusätzliche oder sekundäre Beeinträchtigungen prägen das Erscheinungsbild erheblich und tragen nicht zuletzt oft dazu bei, dass manche Kinder erst spät diagnostiziert werden.

Literatur:

Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M.H. (2011). Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Bern: Huber Verlag

Fombonne, E. (2003). The prevalence of autism. Journal of the American Medical Association, 289, 87-89.

Lord, C. & Bishop, S.L. (2010). Autism Spectrum Disorders: Diagnosis, Prevalence, and Services for Children and Families. Social Policy Report, 24, 2.